Annodazumal

Annodazumal ist trendy. Und zwar schon seit längerem.

Ich kann mich daran erinnern, wie wir vor über 15 Jahren begonnen hatten unsere erste Wohnung einzurichten. Unser Ziel war es damals, die rein aus IKEA bestehende Möbel-Sammlung langsam aber stetig mit einzelnen ausgesuchten Stücken zu ersetzen. Und wie es damals schon sehr trendig war, waren dies neben damals noch modernen Sofas dann auch immer wieder einmal schöne alte Möbel von annodazumal, sei es ein alter Bauernschrank oder eine alte Truhe.

In den letzten Jahren hat sich dieser Trend stark verstärkt und hat sich zu «aus Neu mach Alt» gewandelt: Shabby Chick. Wer von uns fühlt nicht diesen inneren Zwang, diese herrlich anzusehenden Dinge wie Dekor, Töpfe, kleine Möbel immer wieder zu kaufen? Oder wer hat gar schon selber aus einem eher unscheinbaren Möbel ein schmuckes Shabby-Chick-Teil kreiert? Ich frage mich, wann wir die ersten neuen Autos mit runden Scheinwerfern und verrosteten Ecken sehen werden. Und vielleicht wieder einmal mit Weisswandreifen? Das wär doch was!

Auch beim Essen scheint dieser Trend immer mehr Einzug zu halten. Alte Gemüse- und Früchtesorten sind beliebter denn je. Und die schon immer sehr beliebten Kochrezepte (wer kennt nicht die schon von unseren Eltern in unzähligen Versionen gesammelten Betty Bossi Kochbücher 😊?) findet man heute in jeder Zeitschrift und in unzähligen Online-Foren. Und immer mehr drehen sie sich in letzter Zeit um Themen wie «Essen wie im Mittelalter» oder ganz aktuell «das älteste deutschsprachige Kochbuch der Schweiz» – die bischöfliche Küche von Chur im 16. Jahrhundert. Erst gerade erschienen und schon ausverkauft!

Woher kommt dieser Wunsch, dieser Drang nach annodazumal?

Ein Grund dürfte der allgemeine gesellschaftspolitische Trend sein: Ich denke, dass früher die Menschen meist eine «bessere Zukunft» vor Augen hatten. Heute orientieren sich viele mehr an der «guten alten Zeit».

Ein anderer Grund dürfte sicher auch der sein, dass die Menschen heute versuchen, sich immer gesünder zu ernähren. Bio, Regional, Clean Eating, Superfoods etc. sind in aller Munde. Und somit ist der Schritt zu den alten Rezepten, welche ohne Ausnahme aus frischen, unverarbeiteten, regionalen Zutaten zu 100% selbst gemacht wurden, nicht mehr gross.

Und so habe ich vor wenigen Tagen unsere letzten Trauben in Konfitüre verwandeln wollen und habe ein neues Rezept dazu gesucht, da es mir als als zu langweilig erschien, immer nur 1kg Trauben und 1kg Gelierzucker zusammenzumischen und fertig. Das Rezept war von «doazmol» und enthielt sage-und-schreibe eine halbe Seite Anleitung, wie man den Zucker «läutern und zu Faden kochen» sollte. Aha, in der Tat, es gab damals noch keinen Gelierzucker! Der Rest des Rezeptes war spannenderweise ziemlich exakt so, wie meine Schnellvariante aussah. Und so habe ich schliesslich in Anbetracht meines Zeitplanes dann doch wieder auf meinen modernen Gelierzucker zurückgegriffen und das «annodazumal»-Rezept für einmal links liegen gelassen…

Euer Pascal

Trumpomania und die Amerikanische Esskultur

Vor kurzem war ich wieder einmal geschäftlich einige Tage im Ausland unterwegs. Obwohl ich diese Reisen natürlich zum Arbeiten unternehme, schätze ich auch die Nebeneffekte ausserordentlich – wie den Erholungswert ungestörter Nächte, und die Tatsache, dass der Jetlag mich ohne Zwang dazu bringt, täglich schon lange vor dem Frühstück ein paar Kilometer zu Laufen. Ebenfalls freue ich mich jedes Mal darauf, wieder ein paar neue Eindrücke mit nach Hause zu nehmen.

Dieses Mal ging es in die USA – und zwar nach Alabama und Colorado. Kaum schlägt man über dem Teich in diesen Tagen eine Zeitung auf oder schaltet den Fernseher ein, wird man von einem einzigen Thema dauerberieselt: die Trumpomania – ein echtes Phänomen unserer Neuzeit. Ich bin ganz sicher, über diesen Herrn werden noch unzählige Bücher und Studien geschrieben werden. Wirklich verblüffend, schon fast spannend, dies als Europäer mitzuverfolgen. Ich habe mich dann aber lieber den kulinarischen Aspekten dieser Kultur zugewandt. Und diese haben sich mir in erstaunlicher Vielfalt offenbart.

Früher war ich immer der Auffassung, dass Esskultur und USA nicht vereinbar sind. Beim Frühstück denke ich dies auch heute noch. Da wird einem im Hotel voller Stolz vom „complementary breakfast buffet“ vorgeschwärmt; und was finde ich? Weiche Donats, Bagels, Kartoffeln und Orangensaft, dem man das Konzentrat schon von weitem ansieht. Den Kaffee müsste man Kübelweise einkochen, bis er die Konsistenz einer normalen Tasse Schweizer Kaffees erreichen würde. Tja, und Brot à-la-Schweizer-Definition scheint schlicht nicht zu existieren. Eine Marktnische? Es kann doch nicht sein, dass sich eine ganze Nation von Toastbrot ernährt….

Aber spätestens beim Abendessen sieht die ganze Sache schon ganz anders aus. Versteckt hinter den Klischees von McDonald und Burger King findet man unzählige kulinarische Höhepunkte: Natürlich die klassischen meist fantastischen Steaks mit allen möglichen Beilagen, dann hervorragende lokale kulinarische Köstlichkeiten wie die Cajun Speisen aus den Südstaaten (mein absoluter Favorit), die verwandte kreolische Küche mit Einschlägen aus der Karibik und Frankreich, alle möglichen Shrimps-Varianten aus Texas (wer erinnert sich nicht an Bubba aus Forrest Gump), an der Ostküste um Boston die grössten Hummer, die ich je gesehen habe, preiswertes aber sehr gutes Mexikanisches Essen im Süden nahe der Grenze und nicht zu vergessen: der Megatrend der gesunden „organic“ Ernährung (womit bei uns ganz einfach „bio“ gemeint ist).

Und zu guter Letzt haben die USA in den letzten Jahren eine unglaubliche Bierkultur vom Feinsten entwickelt. Es gibt an jeder Ecke die unzählige Micro-Brauereien, die auch bei uns mittlerweile überall wie Pilze aus dem Boden schiessen, und die eine Vielfalt von Leckereien produzieren wie Red Ales, Indian Pale Ales und viele verschiedene Spezialsorten wie Hop Bomb, Raccoon Red, Lumpy Dog und das Fire Chief Ale. Ich habe sie natürlich (fast) alles ausprobiert und mich des Öfteren gefragt, ob das Getränk oder die Mahlzeit mehr Kalorien hatte…

Tja, es bleibt mir für heute nur noch die Schlussfolgerung: Es ist ein Gerücht, dass es in den USA nur Burgers gibt. Die Amerikanische Esskultur existiert und lebt – und ist heute überall zu finden.

En Gueta, Euer Pascal

Übrigens: Was ich noch nicht gesagt habe: Ich liebe auch die Englische Küche. Ja, wirklich, nicht gelogen und kein Scherz. Aber darüber sprechen wir gerne ein andermal. Dies zu erklären würde für heute viel zu weit führen….

(1. Veröffentlichung im Seegräbner Boten im April 2016)