Schicksale

Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, können in Zürich im Pfuusbus gratis essen und schlafen. Ich helfe gelegentlich im Pfuusbus aus. Die Schicksale, denen man dort begegnet, sind mannigfaltig.

Da ist Stefan. Trennung vor gut 2 Jahren, dann Diagnose Krebs. Er verliert die Wohnung, lebt seit über einem Jahr auf der Strasse. Und nun endlich nach über 2 Jahre Leidensgeschichte: Er ist wieder gesund, will und kann wieder arbeiten und hat sogar eine kleine Wohnung gefunden. Neustart in ein menschenwürdiges Leben.

Da ist Anna. Schlank, gross, lange dunkle Haare, sympathisches Gesicht. Um die 50. Übernachtet regelmässig hier oben beim Albisgüetli. Warum? Ich spreche sie an und mir wird vieles klar. Sie spricht von Verwandten, die nur ihr Geld wollen. Polizei, die sie immer wieder mitnimmt. Spricht mit sich selber. Die ganze Zeit. Sie ist in einer eigenen Welt, will vielleicht auch hier sein oder kann nicht anders.

Da ist ein junger Unbekannter. Ich sehe ihn nur einmal. Noch keine 20. Er setzt sich still, bedrückt und in sich gekehrt im Pfuusbus in die Ecke. Nimmt sein Essen, hat keinen richtigen Hunger. Was führt diesen jungen Menschen wohl hierher? Ich weiss es nicht. Oft braucht es nur wenig, um auf der Strasse zu landen. Eine Gratwanderung. Wo ist er heute?

Da ist Iwan. Ihm wurde heute sein Handy gestohlen. 50% seines Besitzes, noch viel schlimmer: Da drin war sein ganzes soziales Leben, Adressen, Kontakte. Er hat die Nase voll. Und will hier weg, raus aus diesem unwürdigen Leben. Er spricht mit uns, mit der Sittenpolizei, will Hilfe, Kontaktstellen, wohin er sich wenden kann, um wieder Fuss zu fassen. Er will!

Da ist Dani. Ein ehemals Bündner Original, wie man es sich vorstellt. Lange verfilzte Haare und Bart. Farben lassen sich an seiner Kleidung keine mehr erkenne. Wohl seit Jahrzehnten auf der Strasse. Ist er 50, 60, 70? Keine Ahnung. Aber ein guter Typ. Aufgestellt, urchig und hilfsbereit. Ohne ihn würde hier oben im Pfuusbus des Öfteren einiges nicht funktionieren. Er repariert alles, räumt Abfallsäcke weg, tut, was er kann. Und geht dann in sein Zelt irgendwo am Üetliberg übernachten. Wenn er nicht schlafen kann, bastelt er wunderschöne kleine Figuren und Objekte.

Man könnte Seiten füllen. Es gibt so viele Schicksale hier: traurige, bedrückende, unverständliche, unbegreifliche. Sie lassen einen das Leben mit anderen Augen anschauen.

Euer Pascal